Videospiele – Der größte Scheiß?

TETRIS Kühlschrankmagnete

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Sind Videospiele der größte Scheiß? Ist ein Gamer ein „elitäres, streitsüchtiges, infantiles, gewaltgeiles, misogynes, homophobes Arschloch“? Ich frage zurück: Hä?

Gestern hat Andreas Dobersberger auf VICE.com einen Artikel mit dem Titel „Videospiele sind der größte Scheiß“ veröffentlicht. Und auch wenn ich einigen Aussagen ganz oder zum Teil zustimmen möchte, geht der Autor zu weit.

Auch ich liebe Videospiele. Ja ok, ich habe heute nicht mehr so sehr wie früher die Möglichkeit das auszuleben und komme selten dazu, mehrere Stunden am Stück in ein Videospiel zu investieren. Aber auch ich hatte meine Phasen, vor allem zu Schulzeiten, als ich mich von Nachmittags bis spät Abends auf Counter-Strike-Servern tummelte oder StarCraft-Schlachten schlug, immer im Hintergrund im TeamSpeak-Channel mit Freunden, die ich zum Teil nur vom zocken kannte und nie persönlich getroffen habe, mit denen ich zum Teil aber auch jeden Morgen die Schulbank drückte. Ich war ein Gamer, aber auch damals schon hat das nicht alleine mein Leben beschrieben, auch damals war ich mehr als nur ein Gamer. Ich war auch Schüler und dabei Mathenerd, ich liebte Physik, Astronomie und Programmieren, aber auch Musiker war ich damals schon und Kinogänger, ich war Bücherwurm und Musikhörer, Serienjunkie und Filmliebhaber. Kurz gesagt, ich hatte einige Hobbys und „Gamer“ war nur ein Wort, was mich beschreiben konnte und das logischerweise nur unzureichend.

Insgesamt ist es eben immer nur ein Aspekt aus dem Leben eines Menschen, wenn man versucht ihn mit einem Begriff auf etwas zu reduzieren. Aber oft ist es eben so, dass ein Aspekt des Lebens und der Beschäftigung so deutlich heraus sticht, dass es als stärkstes Merkmal sehr beschreibend ist. Üblicherweise tun die meisten Menschen das mit ihrem Beruf. Menschen sind PolitikerInnen, ErzieherInnen, InformatikerInnen, KFZ-MechatronikerInnen, MedizinerInnen, VerkäuferInnen, ElektrikerInnen, DachdeckerInnen, MaurerInnen… Doch nicht jeder möchte sich über seinen Beruf identifizieren, weil vielleicht ein Hobby viel deutlicher beschreibt wie man sich fühlt und wie man sich selbst einordnet. Und auch das ist in Ordnung, für die meisten Hobbys.

Niemand würde jemandem einen Vorwurf machen, weil er sich selbst „Leseratte“ nennt. Wenn jemand sich neben dem Beruf mit Musik beschäftigt, würde man jederzeit zugestehen zu sagen, er oder sie sei „Musiker“. Unsere Gesellschaft akzeptiert es, wenn Menschen unzählige Stunden ihres Lebens mit Fußball verbringen, zuhause vorm Fernsehapparat sitzen und eine Mannschaft bejubeln oder zu tausenden in ein Stadion strömen um dort 90 Minuten lang zuzusehen, wie ein rundes Stück Leder getreten wird. Das ist alles völlig akzeptabel, weil es „Normal“ ist und es eine entsprechende Mehrheit gibt. Leider gilt das noch lange nicht für den eSport und erst recht nicht für das sogenannte Casual Gaming. Der Gamer ist immer noch als Antisozial verpönt, weil er scheinbar alleine in seinem Kämmerlein sitzt und sich mit bunten Flackerbildchen bei Laune hält. Dass Gaming durchaus eine sehr stark soziale Seite hat, wird wegignoriert von allen Nicht-Gamern in der Bevölkerung, in der Presse und in den meisten sonstigen Medien. Selbst Herr Dobersberger, der angeblich selbst Videospiele liebt, definiert den Gamer als „elitäres, streitsüchtiges, infantiles, gewaltgeiles, misogynes, homophobes Arschloch“.

Und wenn jemand sich Geek oder Nerd nennt, was erst einmal nicht unbedingt mit Gaming zusammenhängen muss, dann sind wir schon wieder auf einem völlig anderen Feld. Denn Nerd oder Geek zu sein, beschreibt eine Lebenseinstellung, die sich üblicherweise auf alle Tätigkeiten im Alltag auswirkt. Ein Nerd ist ein Spezialist, jemand der sich in einem bestimmten Bereich besonders gut auskennt, weil er diesen Bereich besonders liebt. Man kann Nerd sein in jedem Gebiet, aber nur bestimmte Menschen nennen sich selbst so und das sind eben meist nicht die Nähnerds, die Kochnerds oder die Autonerds, sondern eher die Computernerds, Physiknerds oder Animenerds. (Diese Aufzählung ist logischerweise nicht vollständig). Der Begriff Geek, im Gegensatz zu Nerd, bringt noch eine Wertung mit ein und beschreibt, dass der Nerd ein wenig exzentrisch ist und „Non-Mainstream“. Am Beispiel: Fußballnerds mag es geben, Fußballgeeks eher nicht, denn Fußball ist Mainstream. Ich glaube so langsam ist klar, was ich meine.

Der Autor beschreibt zwar auch reale Probleme, wie die fehlende Akzeptanz des Gaming als Kulturgut oder gar Kunst, der schlechte Gamingjournalismus, das sehr eigenartige Phänomen der „Fake-Geeks“ und die so genannten „Game-Studies“. Aber das geht fast unter in seinem Blödsinn darüber, dass Gaming eine isolierte Parallelwelt sei, was man daran erkenne, was passiert wenn man seiner Mutter einen Controller in die Hand gibt. Erstens: Meine Mutter kann mit einem Controller umgehen, wenn auch nicht die gleichen Spiele ander Tagesordnung sind wie bei mir. Zweitens: Generationen haben Generationsspezifische Interessen. Deine Mutter spielt keine Ego-Shooter? Erzähl mir mehr über deine Stunden bei den regelmäßigen Strick- und Häkelclubtreffen, wenn du deine eigenen Pullover herstellst.

Insgesamt kann man sagen: Bullshit. Und hey, wenn du dich, deiner Meinung nach zurecht, genierst deinen Arbeitskollegen zu erzählen, dass du über Videospiele schreibst und wenn du dann auch tatsächlich die ganze Szene als elitäre, streitsüchtige, infantile, gewaltgeile, misogyne, homophobe Arschlöcher bezeichnest, dann such dir halt verdammt nochmal eine neue Beschäftigung. Niemand braucht dich und dein Geschwurbel, wenn du alles so scheiße findest, dann geh halt, setz dich irgendwo hin, zieh deine Schuhe und Socken aus und spiel mit deinen Zehen.

Wer sich mit mehr als 25 Jahren noch Gamer nennt, hat ein Problem, sagst du. Ich frage mich, was dein Problem ist. Du findest, Videospiele sind der größte Scheiß, und Geeks sind der größte Scheiß und alles was mit Gaming zu tun hat ist der größte Scheiß. Ich finde, dein Artikel ist der größte Scheiß und es ist eine Schande dass du deine und meine Lebenszeit damit verschwendest.

Ich geh dann mal eine Runde zocken. Denn ich bin 28 Jahre alt, ich bin ein Gamer und Gamer sind geil!

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