Totalversagen von Polizei und Presse

Originaltext, der auf Facebook verbreitet wird.

Originaltext, der auf Facebook verbreitet wird. (Screenshot by Carsten Dobschat)

„Hab gerade meinem Onkel Hans Werner im Klinikum Winterberg vorgelesen was geschrieben wurde über Flüchtlinge in Deutschland und Dirmingen…“

* Update unten angehängt

So beginnt der „Bericht“ von Daniel Volz auf Facebook. Ja, ich habe mit voller Absicht die erste Zeile des Textes hier als Einstieg verwendet. Dadurch wird dieser Artikel hier vielleicht analog zu dem Originaltext in Suchmaschinen gelistet und gefunden und hoffe, das verstärkt ein wenig die Aufmerksamkeit für die Position die ich hier vertrete.

Ich habe heute erst durch Carsten Dobschat von einem angeblichen Vorfall in Dirmingen erfahren und kann nur zustimmen, dass einem vom Kopfschütteln schwindelig werden kann.

Es klingt alles sehr unglaubwürdig

Angeblich hat hier ein Mensch, der laut Aussage des Neffen des Opfers ein syrischer Asylbewerber ist, seinen Onkel krankenhausreif geschlagen und sogar einen Polizisten verletzt, ist aber nach einer Nacht in der Zelle wieder frei gelassen worden. Selbst wenn das alles wahr wäre, ist die Hetze gegen Geflüchtete unverkennbar im Text. Aber es klingt insgesamt unglaubwürdig, was da geschildert wird.

Woher weiß der Neffe überhaupt, dass es ein Syrer war und dass er im Lager untergebracht ist? Und wie kann jemand, der besoffen von einer Bank fällt noch solchen Schaden verursachen und sogar einen Polizisten noch nennenswert verletzen? Und wieso wurde er nur eine Nacht festgehalten, wenn das alles wirklich so war? Und wann hat er dem Mädchen 300 Euro angeboten, wenn sie doch erst zu ihm hin ist, nachdem er Bewusstlos von der Bank gefallen ist und er dann ohne Umwege begonnen hat sie zu verprügeln? Alles in allem passt hier etwas nicht.

Selbst wenn es genau so geschehen wäre

Ja, es kann natürlich sein, dass alles genau so abgelaufen ist, wie es geschildert wurde. Das ist natürlich dann unverzeihlich und der Rechtsstaat soll bitte seinen Job leisten. Das ist keine Entschuldigung dafür, herauszustellen, dass es sich um einen Syrer handelt und implizit anzudeuten, dass es relevant wäre, woher der Täter kommt und das Gefühl „Die bösen Auslända!“ zu erzeugen, welches sich aktuell leider so oft auf der Straße manifestiert.

Ein Mensch der so etwas tut ist ein Arschloch, er ist ein Straftäter, er sollte die Härte des Gesetzes spüren, völlig unabhängig von seiner Herkunft. Diese spielt in keinster Weise eine Rolle, wer etwas anderes behauptet, sollte noch einmal genau überlegen, ob seine Meinung nicht zui gut an den PEGIDA-Stammtisch passt.

Mediales versagen von Polizei und Presse

Leider scheint aber Facebook die einzige mediale Plattform zu sein, auf der sich mit dem Thema außeinander gesetzt wird. Tausenden Idioten (Stand 08.08.2015 – 23:00 Uhr: 30297) teilen ungeprüft den „Beitrag“ und die Hetzer rotten sich wieder einmal virtuell zusammen und zeigen mit dem Finger auf Flüchtlinge. Es wäre dringend nötig, dass die Presse sich einschaltet und die Polizei auffordert, einen Hergangsbericht zu veröffentlichen oder eben anzugeben, dass es ein Verfahren gegen den Täter gibt und daher nichts veröffentlich werden darf. Ob bereits ein Pressebericht heraus ging durch die Polizeidienststelle weiß ich nicht. Wenn nein, sollte die Polizei schnellsten tätig werden. Wenn ja, dann bitte ich unsere Pressevertreter, nicht erst das Wochenende über auszuschlafen, bevor am Montag etwas veröffentlicht wird.

Ich erwarte von unserer Presse, dass hier entgegen gehalten wird, dass der Rechtsstaat seine Aufgabe tut und eventuell auch ein Mensch und vor allem alle weiteren Menschen die deswegen in Sippenhaft genommen werden schützt, zumindest verbal. Man darf solche Themen nicht Tagelang der Hoheit der Hetzer überlassen.

Ich kann nur hoffen, dass die Polizei die Geschehnisse zeitnah aufklärt und setze auf unsere lokale Presse, da nachzubohren bis geklärt ist was geschehen ist.

Lauter sein

Entweder in Dirmingen wurde ein übles Gewaltverbrechen begangen, welches aktuell ausgeschlachtet wird zur Hetze gegen Kriegsflüchtlinge oder es wurde eine Story erfunden, zur Hetze gegen Kriegsflüchtlinge. Ihr könnt euch aussuchen, ob ihr der doch sehr widersprüchlichen, Geschichte glaubt, aber Hetze ist es so oder so.

Bitte teilt diesen Artikel oder, wenn ihr selbst bloggt, schreibt aus eurer Sicht etwas zum Thema. Es ist eine Katastrophe, dass so ein Hetztext mehr als 30000-Fach geteilt wird, aber niemand entsprechende Gegendarstellungen verbreitet. Die Hetzer vernetzen sich und die reißerischen Texte verbreiten sich immer gut, die Versuche dagegen zu halten flachen oft viel zu schnell ab. Lasst uns lauter sein, als die Hetzer.



Update 09.08.2015

Wie der Saarländische Rundfunk inzwischen berichtet, stimmt die Grundgeschichte tatsächlich, ein paar Details wurden jedoch verändert oder hinzugefügt vom Neffen beim Verbreiten auf Facebook.

Der Täter war tatsächlich betrunken und wohl eingenickt, eine junge Dame hat den Notruf gewählt und wollte den Puls des Mannes fühlen. Dieser hielt das für einen Raub und wollte sich wehren, hat das Mädchen verletzt und dann den alten Herren der dazu gekommen ist zum Helfen. So weit, so konsistent. Natürlich ist das Ausmaß der Verletzungen des Opfers, zumindest wenn man sich das Foto anschaut, weitaus gröber als es „nötig“ gewesen wäre im Falle einer Selbstverteidigung des Opfers, wir reden hier aber von Verteidigung, die über die Stränge schlägt und nicht von einem brutalen Angriff eines Gewalttäters. Das ist ein empfindlicher Unterschied.

Außerdem berichtet der Saarländische Rundfunk und somit die Polizei in keiner Weise von einem unmoralischen Angebot gegen Geld gegenüber dem Mädchen, außerdem wird das angeblich gestohlene Rentengeld des Opfers auch nicht erwähnt. Man kann also davon ausgehen, dass diese „Fakten“ hinzugefügt wurden um die Hetze zu bekräftigen und das Bild des „Bösen Asylanten“ deutlicher zu zeichnen.

Ich verurteile die übertriebene Gewalt des Täters und wünsche dem Opfer eine schnelle Genesung. Aber ich verurteile auch das Ausschlachten einer solchen Geschichte um Hetze zu betreiben. Außerdem verurteile ich das 50000-Fache teilen des Beitrags zu Zwecken der Hetze und kann nur hoffen, dass der Originalbeitrag vielleicht doch noch gelöscht wird. Wenn der Autor es tatsächlich „nicht so meinte“, dann sollte er gegen das Ausschlachten der Geschehnisse vorgehen indem er den Beitrag löscht und eine Gegendarstellung schreibt. Sollte das nicht geschehen muss man leider davon ausgehen, dass die Hetze beabsichtigt oder mindestens gebilligt wird.

Auch Carsten hat ein Update dazu geschrieben, das ihr gerne lesen könnt. Wer weitere Beiträge zum Thema kennt, darf die auch gerne hier in den Kommentaren hinterlassen.

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