Bilder von Kindern in der Öffentlichkeit

Zur Zeit wird wieder einmal darüber diskutiert, ob es akzeptabel sei, Fotos der eigenen Kinder zu veröffentlichen. Die kurze Antwort lautet: Nein.

Eine lange Antwort ist eigentlich völlig überflüssig, möchte man meinen. Jedoch scheint so manchen Eltern das Teilen der eigenen Freude weitaus wichtiger zu sein, als die Rechte des eigenen Kindes. Alternativ kann man natürlich optimistisch davon ausgehen, dass den Eltern schlicht die Problematik nicht bewusst ist. So oder so, das Kind hat den Schaden an der Freizügigkeit der Eltern.

Falls du jetzt denkst: „Was? Wieso denn Rechte des Kindes? Und wieso sollte das dem Kind schaden?“, dann lies bitte weiter und überdenke am Ende des Textes deine Handlungen noch einmal ganz genau.

Prolog – Fotoalben aus der Hölle?

Wir kennen es alle aus unserer Kindheit und Jugend, wenn Mama und Papa bei großer Runde am Esszimmertisch die Fotoalben herauskramten und voller Stolz der Verwandtschaft die „Fotos von Früher“ noch einmal vorgeführt haben, die eigentlich schon alle kannten. Alle Erwachsenen haben sich tierisch daran erfreut, dennoch war es eine Schamsituation für uns Kinder. Wir fühlten uns unwohl, vor allem bei Bildern, wie damals nicht selten üblich, auf denen wir völlig nackt waren. Aber selbst ohne solch intimer Abbildungen ist es eine Situation, in der man sich völlig ausgeliefert fühlt. Viele Bilder sind in einer lustigen Situation entstanden, zeigen uns mit Essen verschmiert oder während wir etwas amüsantes tun. Eigentlich alles harmlos, aber wir hatten keine Kontrolle darüber, wer die Bilder sieht und wann, fühlten uns machtlos und unwohl.

Nun soll das kein Vorwurf an die Eltern sein, die sich so verhalten. Die Familie ist eben eine sehr kleine Gruppe von Personen, ein Kreis der Vertrauten, denen man durchaus solche Bilder zeigen kann. Die wenigsten werden ihre Eltern nach dem Ende der Pubertät noch dafür verurteilen, nur vorher sieht ein Jugendlicher das vielleicht ein wenig enger. Dennoch zeigt es, dass es kein neues Problem ist, wenn Eltern ihre Kinder in eine Schamsituation bringen.

Öffentlichkeit – Offline

Nun käme kaum jemand auf die Idee, so ein Fotoalbum an die lokale Zeitung zu senden mit der Bitte, diese Bilder zu veröffentlichen. Warum sollten wildfremde Menschen die Bilder des eigenen Kindes zu sehen bekommen? Ja, da wäre eine Grenze überschritten, da sind wir uns wohl alle einig. Familie ist das Eine, aber das ganze Dorf? Die ganze Großstadt? Da kennt man die meisten Menschen nicht einmal und die sähen dann Fotos vom kleinen Max im Sandkasten? Abstrus, denn das will niemand.

Da fällt einem vielleicht sogar ein, dass das Kind ein Recht am eigenen Bild hat und auch wenn Eltern die Rechte der Kinder vertreten und somit über dieses Recht am eigenen Bild entscheiden dürfen, sollte man nicht vergessen, dass die Rechte der Kinder zu deren Wohl ausgeübt werden soll(t)en.

Öffentlichkeit – Im Internet

Doch dann kommt man zu einer so genannten sozialen Plattform wie Facebook (Natürlich nur exemplarisch, das gilt auch für jede andere Internetseite) und man fühlt sich umgeben von Freunden und Familie. Man liest ja auch den ganzen Tag dort nur Beiträge von Menschen die man kennt, es ergibt sich also die Illusion, das man in einer privaten Welt agiert, die nur von Menschen aus dem engsten Bekanntenkreis bevölkert ist. Man glaubt: „Zeitung liest jeder im Dorf, aber meine Facebookchonik, die sehen ja nur meine Freunde.“

Dem ist aber nicht so, Facebook ist eine öffentliche Internetseite und ein einmal dort veröffentlichtes Foto ist global veröffentlicht, ohne eine Option diese Veröffentlichung später Rückgängig zu machen.

Und schon werden Fotos von Kindern kurz nach der Geburt, beim Spielen, bei den ersten Schritten, am ersten Schultag und in allen möglichen lustigen Situationen veröffentlicht. Nicht nur in einer Lokalpresse sondern hier auf einer weltweiten Plattform. Man könnte die Fotos der Kinder auf Flugblätter drucken und in der Fußgängerzone verteilen und hätte eine geringere Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte begangen, als beim Upload auf die eigene Facebookseite.

Gewinnspiele mit fatalem Einsatz

Aber leider ist das nicht das Ende der Möglichkeiten, die man als Eltern zur Verfügung hat um die Rechte der Kinder mit Füßen zu treten. Regelmäßig finden Fotowettbewerbe statt, bei denen Eltern ein kleines Preisgeld oder einen Warengutschein gewinnen können, wenn das Kind bei einer Onlinewahl zum „Süßesten Baby“ in der Liste gekürt wird. Manchmal ist nicht einmal ein Preisgeld dotiert, dann geht es ausschließlich um „Ruhm und Ehre des Gewinners“. Das macht es jedoch auch nicht besser.

Hierzu wird ein Foto auf der Seite des Gewinnspiels hochgeladen und der Link wird dann vielfach verteilt, sodass viele Menschen bei der Abstimmung teilhaben können. Die Persönlichkeitsrechte des Kindes werden quasi am Roulettetisch eingesetzt, für eine eventuelle Gewinnchance auf einen kleinen Siegerpreis. Und das nicht einmal mehr im Kreis der mutmaßlichen „Facebookfreunde“, sondern explizit öffentlich, denn es sollen ja viele Menschen ihre Stimme abgeben für das eigene Kind.

Auch hier darf gerne wieder der Flugblätter-Fußgängerzonen-Vergleich gedacht werden.

Zukunftsvergessen

Natürlich meinen Eltern es nicht böse und wollen eigentlich ja auch nur das Beste für ihre Kinder. Zumindest bleibt das zu hoffen und mein Weltbild schreibt mir vor, das anzunehmen. Viele Eltern vergessen schlicht, dass das Internet nicht vergisst und dass ein Bild eben auch leicht weiter verbreitet werden kann. Nun sollte man sich aber an das Fotoalbum erinnern und sich vorstellen, dass Klassenkameraden in der Mittelstufe das in die Hände bekommen hätten. Am Besten wirkt das, wenn man nicht zu den „Coolen“ gehört hat in der Zeit, sondern sowieso eher ein Außenseiter war und sich noch erinnern kann, für welche Nichtigkeiten man damals gemobbt wurde. Würde man seinem Kind wünschen, dass das Fotoalbum vom Kaffeetisch die Runde in der Schulklasse macht? Sicherlich nicht. Aber das ist auch kein Problem, denn das Album liegt zuhause in einer Schublade und staubt ein.

Wenn man das Fotoalbum aber digitalisiert und in einem weltweiten Netz verfügbar macht, dann öffnet man hier Tür und Tor für jeglichen Missbrauch. Nicht nur die Klassenkameraden sehen die Bilder, auch perverse Menschen haben Zugriff darauf und die Bilder können für alles Mögliche missbraucht werden. Fast jeden Tag kursiert eine Schreckensmeldung auf Facebook, die völlig aus der Luft gegriffen und mit einem zufälligen Kinderbild kombiniert wurde. Soll dein Kind das nächste „Dieses Kind hat Krebs, teilt das weiter, weil dann ein Wunder geschieht“-Kettenbriefkind werden?

Datensparsamkeit

Man muss jedem Menschen heutzutage empfehlen Datensparsam zu sein. Man teilt eben nicht jede Kleinigkeit des Alltags auf einer Internetseite, man stellt nicht jedes Foto online, was man gerade gemacht hat und man schreibt bei Facebook auch nicht „Ich bin jetzt mal drei Wochen auf Mallorca“, denn man möchte es Einbrechern zumindest hinreichend schwierig machen herauszufinden ob man zuhause ist oder nicht.

Jede Verletzung der Privatsphäre, auch die beabsichtigte Verletzung der Eigenen, ist im Internet dauerhaft und unheilbar. Verletz bitte immer nur die eigene Privatsphäre und das nur gut überdacht. Verletze niemals die Privatsphäre deiner Mitmenschen und schon gar nicht die eines Kindes. Weder dein eigenes Kind noch das Kind deiner Mitmenschen kann sich wehren und muss ein Leben lang damit leben.

Caroline Fetscher nennt diese Verletzung der Rechte von Kindern „Missbrauch“ und trifft es damit sehr genau. Zurückhaltung ist angesagt und das sage nicht nur ich, das sagen auch Juristen und Psychologen. Aber eigentlich braucht man dafür keine Experten

Der Schutz unserer Kinder geht uns alle an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.